Ödön-von-Horváth-Gesellschaft
Projekte & Veranstaltungen –> Ödön von Horváth-Preis
Der Ödön-von-Horváth-Preis 2016

wurde am 4.11.2016 von der Ödön-von-Horváth-Stiftung im Rahmen der Murnauer Horváth-Tage verliehen. Die Preise gingen an den Filmemacher Edgar Reitz sowie an die Münchner Künstlerin Gesche Piening (Förderpreis).

Horvath Preis 2016

Henry Arnold: Laudatio anlässlich der Verleihung des Ödön-von-Horváth-Preises an Edgar Reitz – 04. 11. 2016

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Edgar Reitz!

Zahllos sind die Preise, die Du im Verlauf Deines Lebens erhalten hast - als Filmemacher, Regisseur, Schriftsteller oder Produzent - und bereits übermorgen kommt ein weiterer hinzu, der Deutsche Regiepreis Metropolis, verliehen für Dein Lebenswerk vom Bundesverband Regie in München.
Auch die Carl-Zuckmayer-Medaille ist darunter, aus dem Jahr 2004, für Verdienste um die deutsche Sprache, von der aus sich mühelos ein Bogen schlagen ließe zum heutigen Preis, der den Namen Ödön von Horváth’s trägt. Nun lassen sich Querverbindungen und Korrelationen immer herstellen und behaupten, cross-over ist Zeitgeist, das Nobelpreis-Komitee schien es erst kürzlich wieder unter Beweis stellen zu wollen.
In diesem Fall sind jedoch keinerlei Verrenkungen nötig – und Du bist ja auch ans Telefon gegangen. Der Theaterautor Horváth erzählt Geschichten, und der Autorenfilmer Reitz tut dies auch. Beide blicken auf die Menschen in der Geschichte, in ihrer historischen Situation, und beide interessieren sich für die, die man mal irgendwann „die kleinen Leute“ genannt hat. Beide suchen nach Wahrheit ohne sich der Wirklichkeit anzubiedern, beide finden das Authentische nur im Umweg über die Kunst. Über die Horváth’sche Sprache ist viel geschrieben worden. Seine Sprache ist komprimiert, jeder Satz ist – bei aller dialektalen Färbung – auf sein Substrat kondensiert, wäre es Musik – und es ist Musik! – würde man sagen: Da ist keine Note zu viel.
Auch Du liebst den Dialekt, die authentische Sprache der Menschen. Und keineswegs nur das Hunsrücker Platt, das ich vor nun knapp 30 Jahren gelernt habe, um es mir dann, kaum in München angekommen, mühsam wieder abzutrainieren. In all deinen Filmen wird berlinert, geschwäbelt, gesächselt, über Steine gestolpert. Und natürlich gibt’s da, zumal in der „Zweiten Heimat“, auch viele Bayern. Das hat seinen Grund:
Edgar Reitz hat in seinen Filmen oft mit Laien gearbeitet, Menschen, deren Gesichter, deren Sprache, deren unverfälschten Ausdruck er vor Ort gefunden hat. Aber er hat sie selbstverständlich in den vollkommen erfundenen und bis ins Detail gestalteten Zusammenhang seiner filmischen Erzählung gestellt. Wer einmal an einem Film-Set war, weiß: Nichts von dem, was der Film am Ende erzählt, nichts von der Welt, in die der Zuschauer am Ende – wie in ein fremdes, ungewohntes, und gerade deshalb so aufregendes Elixier – eintauchen soll, ist im Augenblick der Entstehung tatsächlich da. Die vorgestellte Welt endet unmittelbar am Bildrand. Was wir am Ende sehen, wird erschaffen durch ein komplexes und äußerst kunstvolles Zusammenspiel von Licht, Ton, Ausstattung, Schnitt und Musik.
Die Kunst deiner Regie war jedoch – so habe ich das erlebt -, uns das vergessen zu lassen. Der authentische Ausdruck, das im Grunde nicht Gespielte war es, wozu Du uns immer wieder getrieben hast, hartnäckig, und manchmal auch mit Tricks. Einer davon war, die Kamera am Ende einer Szene oder einer Einstellung einfach laufen zu lassen. Diese Irritation konnte etwas lösen, oder etwas auslösen – eine Geste, einen Blick – das manchmal vielleicht besser war als die ganze davor gespielte Szene.
Allem zugrunde aber liegt die Geschichte. Ob in der großen Form des epischen Kinos oder in der knappen Skizze der Szene des Dramas: Hinter dem kleinen oder großen Katastrophen, hinter dem Scheitern an der Wirklichkeit steht bei Horváth wie bei Reitz die Sehnsucht der Menschen nach einem anderen Leben, danach, herauszutreten aus der Vorläufigkeit und Endlichkeit unserer begrenzten Existenz. Und die Sehnsucht nach Liebe. „Die Zweite Heimat“ erzählt – neben vielem anderen – die Geschichte einer großen und letztlich unerfüllten Liebe, der Liebe zwischen Clarissa und Hermann. Erst nach 10 Jahren, im letzten Film der „Zweiten Heimat“, kommen sie in Amsterdam für ein paar Tage zusammen. Und da sagt Hermann:  „Ich habe mich immer nach dir gesehnt.“ –
Clarissa: „Nach der Liebe?“ – Hermann: „Nach dem Augenblick, in dem die Seele ‚ja’ sagt.“
In Horváths „Kasimir und Karoline“ erkennt Karoline kurz vor Schluss, in der 114. Szene und nach allen bereits durchlittenen Katastrophen:
"Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich - aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen -."

Nicht von Ungefähr lautet der Untertitel Deines bislang letzten großen Meisterwerks „Die andere Heimat“, das die Geschichte eines sich davon träumenden und am Ende doch daheim gebliebenen jungen Mannes aus dem Hunsrück der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts erzählt: ‚Chronik einer Sehnsucht’.

Aus eben jener Zeit stammt auch Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen.“:

Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Dies die ersten drei Strophen aus dem Gedicht ‚Caput 1’. Womit ich dann doch mitten im Thema bin. Trotz Deines umfangreichen Frühwerks der 60er und 70er Jahre ist es nicht möglich, über Dich zu sprechen ohne den Komplex „Heimat“ zu umkreisen. Als Begriff, als Idee und als Titel und Klammer über Dein gesamtes filmisches Schaffen seither. Zumal nicht für mich, der ich das Glück hatte, als Darsteller des Komponisten und Dirigenten Hermann Simon in den Chroniken „Die zweite Heimat“ und „Heimat 3“ über Jahre an der Entstehung dieses Gesamtfilmwerks – so nanntet ihr das in meinen ersten Verträgen – mitzuwirken.

Es ist das gar nicht zu überschätzende Verdienst von Edgar Reitz, den Begriff „Heimat“  freigelegt zu haben  von allen Übermalungen – sei es vom Kitsch eines entpolitisierten Rückzugs, wie sie ihn die 50er Jahre, namentlich im sogenannten „Heimatfilm“ missbraucht haben, oder aber – noch schlimmer – von der Koppelung mit den Ideen von Nation und Vaterland, mit denen die Deutschen die Menschheit in die bislang schlimmste Katastrophe ihrer Geschichte getrieben haben.

Heimat ist viel kleiner. Und näher. Aber auch zerbrechlicher. Und im Grunde immer schon weg. Erinnerung. Nicht jeder hat das Glück, Heimat zu kennen. So schreibt Horváth 1929 in dem Berliner Kultur- und Zeitgeist- Magazin „Der Querschnitt“:

„Sie fragen mich nach meiner Heimat, ich antworte: ich wurde in Fiume geboren, bin in Belgrad, Budapest, Preßburg, Wien und München aufgewachsen und habe einen ungarischen Paß – aber: »Heimat«? Kenn ich nicht. … meine Muttersprache ist deutsch. Ich spreche weitaus am besten Deutsch, schreibe nunmehr nur Deutsch, gehöre also dem deutschen Kulturkreis an, dem deutschen Volke. Allerdings: der Begriff »Vaterland«, nationalistisch gefälscht, ist mir fremd. Mein Vaterland ist das Volk.“

Und etwas weiter unten heißt es:

„Meine Generation ist bekanntlich sehr mißtrauisch und bildet sich ein, keine Illusionen zu haben.“ und:
„Worauf es ankommt, ist die Bekämpfung des Nationalismus zum Besten der Menschheit.“

Heimat ist aber auch etwas, das ich mir schaffen kann, zu jeder Zeit, in jedem Alter. . "Wir bringen uns selbst noch einmal auf die Welt", sagt der 20-jährige Hermann der "Zweiten Heimat" einmal.
Auch der heimatlose Horváth wollte dies, hier in Murnau. Allein, man ließ ihn nicht. Man befürchtete, er könne sich nicht selbst ernähren und dem Staat oder der Gemeinde auf der Tasche liegen, Und so wurde es nichts mit der Einbürgerung. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor…
Heimat gehört mir nicht. Auch wenn sie mich geprägt haben mag, meine Sinne, mein Denken, meine Sprache – sie ist kein Besitz. Erinnerung lässt sich nicht einzäunen. Je älter wir werden, desto deutlicher stellen wir fest: Die Heimat unserer Kindheit ist längst nicht mehr da.
Die Welt ist in Bewegung. So wie die Menschen im 19. Jahrhundert in großer Zahl Europa, Deutschland und auch den Hunsrück verlassen haben – davon erzählt „Die andere Heimat“ – so kommen andere jetzt - wie damals unter lebensgefährlichen Bedingungen - zu uns und lassen ihre Heimat und ihr gesamtes bisheriges Leben zurück.
Vor knapp 40 Jahren schrieb Jean Améry in seinem Essay „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“:
„Die Heimat ist das Kindheits- und Jugendland. Wer sie verloren hat, bleibt ein Verlorener …
Doch damit soll nicht gesagt sein, dass nicht kommende Geschlechter sehr wohl ohne Heimat werden auskommen können, auskommen müssen.
Jedoch, wir sind noch nicht so weit. Noch lange nicht.“

Vielleicht sind wir aber doch allmählich so weit. Die Welt ist kleiner geworden, so sagt man. Wir flirten mit Menschen vom anderen Ende des Erdballs, essen die gleichen Dinge wie sie und sehen dieselben Filme. Wir tippen und wischen auf den gleichen Geräten herum und schreiben dieselben Sätze.
Die Unterschiede, die bleiben, sind menschengemacht und heißen Krieg, Armut, Ausbeutung oder Unterdrückung. Dem zu entkommen sind so viel unterwegs – nicht in eine fremde, unbekannte Welt, sondern in eine, die sie aus unzähligen Bildern längst kennen oder zumindest zu kennen glauben. Unterwegs zu uns. Wem das nicht passt, der schützt nicht unsere Heimat, und auch nicht unsere kulturelle Identität, sondern nur unseren Reichtum.

Der 1925 geborene Soziologe Zygmunt Baumann, selbst zweimal in seinem Leben von Flucht und Vertreibung betroffen, sagte kürzlich in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung:
„Was wir brauchen, und zwar dringend, ist die Schließung der kulturellen Lücke, die zwischen dem neuen Zustand der Welt und dem zunehmend veralteten Bewusstsein der Bevölkerung – insbesondere der meinungsbildenden Elite – existiert.
Auf einem Planeten, der von Handelsrouten und Datenautobahnen überzogen ist, stammt unser Denken und Handeln aus einer Zeit der territorialen Souveränität mitsamt der geerbten Vorschriften, tiefen Gräben, Brücken, Stacheldraht, Ad-hoc-Koalitionen und Mauern.“

Heimat hat nichts mit Nation zu tun, das wusste Horváth längst. Und das erzählt uns Edgar Reitz seit seiner deutschen Chronik „Heimat“, dem ersten Teil der großen Trilogie. In Zeiten weltweiter Migration scheint die Zeit da, in der wir über ‚Heimat’ noch einmal ganz neu nachdenken müssen.

Noch einmal Heinrich Heine, aus demselben Gedicht wie zuvor:

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Lieber Edgar, ich gratuliere von ganzem Herzen zur Verleihung des Ödön-von Horváth-Preises 2016!

Rede zur Verleihung des Ödön-von-Horváth-Förderpreises 2016
von Gesche Piening


Einen schönen guten Abend!

Würde ich jetzt nur eine Dankesrede anstimmen, so würde ich sagen: „DANKE!“,
„Danke für diesen Preis, der mich ehrt und aufrichtig freut“.
Und dann würde ich sagen: Danke an die Ödön von Horvath Stiftung, danke an die Ödön von Horvath Gesellschaft, danke an den Bürgermeister der Stadt Murnau, danke an die Preis-Jury, danke an Gabi Rudnicki, danke an Christiane Wechselberger, danke an meine Kolleginnen und Kollegen, danke an Katja Huber, danke an Katja Huber, danke an Katja Huber, danke an meine Mama, meinen Lebenspartner, meinen Hamster und meine Geranie und natürlich – danke an Ödön von Horvath selbst.
Danke.

Aber die Zeiten sind komplizierter. Wir, also Sie und ich, wir haben hier heute Abend eine Art Geschäftstermin. Ein Kundengespräch – so sagt man, glaube ich.

weiterlesen

Presse

Klicken für mehr Informationen





PRESSE-INFORMATION vom 20.7.2016 - Ödön-von-Horváth-Preis 2016

DIE PREISTRÄGER

pressestimme-preis-2016