Leben ohne Geländer

Eine kritische Würdigung der Edition der Beiträge zum Internationalen Horváth-Symposion 2001

Es wäre ungerecht, Beiträge des vorliegenden Sammelbandes in ihrer Gewichtigkeit gegeneinander zu messen. Dieser Band bietet das Protokoll einer atmosphärisch überaus gelungenen Veranstaltung, die dem Teilnehmer mit einem thematisch weiten Spektrum an Beiträgen entgegenkommt. Hierin liegt auch wohl der Reiz dieses Bandes, der dem Leser eine lockere Gliederung anbietet, ohne ihn zu gängeln.

Klaus Kastberger, der im Zsolnay-Verlag Profile 8 einen hochempfehlenswerten Band mit Aufsätzen zu Werk und Leben Horváths betreute, stellt in seinen Erörterungen die Frage, ob Horváths Demaskierung seiner Figuren bisher zu sehr in der „Hoffnung auf ein unmaskiertes Leben“ gelesen wurde. Im Anschluss an Plessner stellt er vielmehr die Frage, ob „Maskenhaftigkeit nicht als Bedingung des modernen Gesellschaftslebens“ zu verstehen sei. Auch Horváths Spätwerk, so Kastberger, unterscheide sich in dieser Konzeption nicht grundsätzlich von den Stücken der mittleren Periode. - Marianne Gronemeyer stellt in ihrer Arbeit eine quasi monographische Eingrenzung des Sehnsuchtsbegriffes bereit, die in Anwendung auf Horváthtexte noch fruchtbar zu machen wäre. – Insbesondere Lehrer werden Stefan Heils methodisch gelungene und didaktisch einsichtige Überlegungen zum Thema „Gott bei Horváth“ begrüßen. Die beigegebene Textauswahl kann als Grundlage einer Unterrichtseinheit empfohlen werden. –

Herbert Gamper hat sich in einer Vielzahl von Veröffentlichungen bereits als exzellenter Kenner von Horváths Werk ausgewiesen. Seine Interpretation kann auch hier durchwegs überzeugen. Ungeheuer kenntnisreich spannt Gamper sine Argumentation von Texten Novalis` ausgehend über E.T.A. Hoffmann, Kleist und andere zu Horváth. Wiedererkennen und Selbstfindung wird in den Werken von der Frühromantik bis zu Horváth für die Figuren immer problematischer, bei Horváth mit fatalen Folgen für diese. „Wer dem Ruf folgt, ist nicht mehr willens oder fähig, einer vorgegebenen Rolle sich einzupassen“, so Gamper. Gamper konzentriert sich auf das Don Juan-Drama, sieht in der Erinnerung der Hauptfigur an das „Eine“ einen Hinweis auf die deutsche Scholastik (Meister Eckharts „aine nu“), er sieht Don Juans Untergang im „seelischen Tod“ bei der Festlegung auf eine Rolle. Das Erinnern des Soldaten in „Ein Kind unserer Zeit“ fasst Gamper in dem Satz: „Eigentlich bin ich ganz anders, aber in Reih und Glied konnte ich dazu nicht kommen.“ In der „pfingstlichen Epiphanie“ Adas erscheine „das andere Reich“, von dorther gebe sich das „unverständlich gewordene Eigene“ kund. Allen Anregungen dieses vielschichtigen Aufsatzes kann ein knappes Referat kaum gerecht werden. Der Rezensent empfiehlt in diesem Falle besonders aufmerksame Lektüre. –

Gleich anzuschließen wäre ein Blick in Rolf Oerters Studie die „Identität und Heimat aus psychologischer Sicht“ erörtert. Oerter besticht durch saubere Methodik und klare Begriffe. Er sieht Heimat nicht als etwas Objektives, sondern als vom Subjekt „interpretierte Umwelt“, in der sich dieses zurechtfinden kann. Das Subjekt brauche ein für seine Identität verlässliches Raumkontinuum, denn „ohne ein Pendant zu in Kindheit und Jugend erfahrener Heimat“ komme der Mensch auch heute nicht aus. –

Konkret setzt Cornelia Krauß hier an, die darlegt, wie Horváths Herkunft zum „Stigma“ wurde. Sie erinnert an Horváths Prosaexposè „Der Fall E“, das seine „Heimatlosigkeit im Glauben“ schmerzlich vergegenwärtige. &#x201EFigaro lässt sich scheiden“ gliedere sich in dieses Textparadigma ein. –

Mit zwei Aufsätzen ist Elisabeth Tworek vertreten, deren frühere Publikationen für die Horváthforschung ganz unentbehrlich geworden sind. Sie sieht in „Weltbürger und Heimatloser“ Heimatlosigkeit als eine seiner Werkkategorien. Horváths Zerrissenheit, die ihn als Ungar einerseits in dem Bewusstsein ließ, mit „den Nationalsozialisten nichts zu tun zu haben“, andererseits aber „unbedingt für das Theater arbeiten zu wollen“ habe ihn letztendlich zu „peinlicher“ Anbiederung veranlasst. Interessante Details aus bisher fehlinterpretierten Dokumenten ergänzt hierzu der Beitrag von Gabi Rudnicki. –

Nicht alles kann hier referiert werden, auch weil der Rezensent etwas zu Volker Caysas Beitrag kaum Zugang fand, oder weil Nanda Fischers Überlegungen zu Horváths Einstellung zum Sport wunderbar für sich selbst sprechen. Das Protokoll der Schlussdiskussion zeigt, dass sich Gott sei Dank über Horváth noch trefflich streiten lässt. Aufmachung, Format und Layout des vorgelegten Bandes sind wie selten einmal ausgesprochen leser- und lesefreundlich: Ein farblich abgesetzter Rand bietet genug Raum für Handschriftliches aus der Feder des Lesers. Dazu gibt es Bildmaterial in Fülle und sacht führende Themenseiten in Schwarzdruck, geschmackvolles Halbleinen und einen hoch gerechtfertigten Preis. Eine Freude für jeden Bibliomanen.

Der Autor stieß erst nach Erscheinen des Bandes zur Horváth – Gesellschaft und war an der Herausgabe weder aktiv, noch passiv beteiligt.