Horváth-Tage 2005
Wien, 17.-18. Juni 2005
Ein Bericht von Nicole Streitler


Die Wiener Horváth-Tage 2005 erkundeten unter dem Titel „Ein Fräulein wird verkauft“ die Bedeutung der Fräulein-Figur im Werk Ödön von Horváths. Unmittelbarer Anlass dafür war das Erscheinen des zweiten Supplementbandes zur Horváth-Ausgabe bei Suhrkamp unter eben diesem Titel. Der Band wurde, wie schon der erste Supplementband mit dem Titel „Himmelwärts“, von Klaus Kastberger herausgegeben, der den Horváth-Nachlass am Österreichischen Literaturarchiv (ÖLA) der Österreichischen Nationalbibliothek betreut.

Kastberger hat auch die Horváth-Tage 2005 organisiert und mit einem Vortrag über die in Arbeit befindliche so genannte „Wiener Ausgabe“ der Werke, Notizbücher und Briefe des Autors eröffnet. In geplanten 16 Bänden sollen erstmals der gesamte literarische Nachlass und die Briefe Horváths ediert und die Werke in ihrer Genese verständlich gemacht werden. Das schon drei Jahre laufende Editionsprojekt wurde nun vom österreichischen Forschungsförderungsfonds für weitere drei Jahre mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern genehmigt.

Die weiteren Beiträge der Horváth-Tage 2005, die demnächst unter dem Titel „Vampir & Engel. Zur Genese und Bedeutung der Fräulein-Figur im Werk Ödön von Horváths“ in der Wiener Edition Praesens erscheinen werden, hatten folgende Themen zum Inhalt. Hans-Thies Lehmann widmete sich unter dem Titel „Sprache des Menschen, Sprache des Unmenschen“ der „Aktualität von Horváths Theater“. Erwin Gartner untersuchte das „Schlachten und Schneiden bei Ödön von Horváth“ unter besonderer Berücksichtigung der Figur des Lustmörders und ihrer zeitgenössischen (medialen) Bedeutung. Monika Meister ging „Horvaths Zäsuren“, seiner „Dramaturgie der Stille“ nach. Am Abend las der Wiener Schriftsteller, Philosoph und Essayist Franz Schuh aus Horváths früher Revue „Magazin des Glücks“.

Am zweiten Tag eröffnete Evelyne Polt-Heinzl mit einem Beitrag zum Thema „Wo die Fräuleins wohnen. Von Vermieterinnen, Zimmerherrn und sonstigen Subjekten“. Ich schloss mich ihren Ausführungen mit einem Beitrag über „Die schöne Unbekannte bei Schnitzler, Musil und Horváth“ an. Ulrich Schulenburg vom Thomas Sessler-Verlag, der die Theaterrechte Horváths verwaltet, näherte sich dem Autor von verlegerischer Seite, indem er sich mit der Frage „Warum verkaufen sich Horváth-Fräulein leichter?“ auseinandersetzte. Wolfgang Kralicek, Theaterkritiker der Wiener Stadtzeitung „Falter“, beschäftigte sich abschließend mit zeitgenössischen Inszenierungen von Horváths Fräulein-Dramen.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion verrieten und diskutierten Ulf Bierbaumer, Georg Büttel, Gustav Ernst, Franzobel und Julia Danielczyk ihren Horváthschen Lieblingssatz. Den Ausklang der Wiener Horváth-Tage bildete eine Aufführung der Dramatisierung des Romans „Sechsunddreißig Stunden“ mit Angela Hundsdorfer – eine Produktion der Murnauer Ödön-von-Horváth-Gesellschaft, in deren Zusammenarbeit die Wiener Horváth-Tage 2005 durchgeführt wurden. Bei Bier, Weißwurst und historischen Musikeinspielungen vom Oktoberfest wurde noch bis in die späten Abendstunden hinein horváthisiert.